Konzeption: Boris

Charmatz

A Dancer’s Day

An der Schnittstelle der Problematiken des Musée de la danse und des choreografischen Werkes von Boris Charmatz artikuliert A Dancer’s Day zwei Fragen: Worin besteht der Tag einer Tänzerin oder eines Tänzers außerhalb der Vorstellungen? Wie gestaltet sich sein Verhältnis zu Zeit, Arbeit, Verausgabung und Erholung, Kreation und Probe? Und wie lässt sich die Wahrnehmung eines choreografischen Werkes entfalten und erweitern, es anders als auf der Bühne eines Theaters sichtbar und erlebbar machen? Durch Aufwärmübungen, Übertragungen und Workshops wird ein Werk, das je nach Aufführung variieren kann, in den Körpern abgelegt und für alle, Groß und Klein, zugängig gemacht.

A Dancer’s Day folgt dem Rhythmus eines Tages und gibt somit einen Einblick in die Tätigkeit von Tänzerinnen und Tänzern in ihrer schöpferischen Dimension, ihre konkrete Arbeit ebenso wie ihren ganz normalen Alltag. Sich bewegen. Lernen. Essen. Sich ausruhen. Anschauen. Wiederholen. Verstehen. Sich wieder bewegen. Im Laufe jeder dieser Aktivitäten, die durch ein Aufwärmtraining, ein Picknick, eine Siesta, eine Aufführung und einen Dancefloor gekennzeichnet sind, ist jede und jeder eingeladen, dieses Verhältnis zur Verausgabung, zur Anstrengung, zur Freude an der Wiederholung und der Ausführung von Gesten zu erfahren. In einem Spiel von Hin und Her zwischen innen und außen, sehen und tun, Blick und Praxis entwickelt A Dancer’s Day die von Fous de danse und 10000 gestes aufgeworfenen Fragen weiter und verwandelt sie in 20000, 50000 und sogar 100000 Gesten!

Gilles Amalvi

 

Die ersten Aufführungen von A Dancer’s Day fanden am 14., 15., 16. und 17. September 2017 im Hangar 5 des ehemaligen Flughafens Tempelhof in Berlin statt.

Das Programm nahm Boris Charmatz' letztes Stück 10000 gestes zur Grundlage:

16.00 Uhr Aufwärmen der 24 Tänzerinnen und Tänzer des Stücks in kleinen Gruppen

17.00 Uhr Workshop mit Boris Charmatz zu 10000 gestes

18.00 Uhr Picknick mit (sans titre) (2000) von Tino Sehgal, interpretiert von Frank Willens

18.50 Uhr Siesta

19.30 Uhr Aufführung von 10000 gestes

20.40 Uhr Dancefloor mit T. Raumschmiere

21.40 Uhr Aufführung von étrangler le temps mit Boris Charmatz und Emmanuelle Huynh

 

„Im Tempelhofer Hangar 5 des ehemaligen Berliner Flughafens wurde lediglich eine Tanzfläche und eine von Francis Kéré entworfene Zuschauertribüne installiert.

Der eisige Wind hat die etwa einhundert geladenen Zuschauer nicht abgeschreckt. A Dancer’s Day soll einen Tag mit den Tänzern zeigen, die Boris Charmatz für dieses Projekt zusammengestellt hat. Einen ganzen Nachmittag lang kann jeder Beobachter oder Teilnehmer spielen.

Man lässt sich auf das Spiel ein und folgt Régis Badel, dem springenden Tänzer, auf den Fersen. Nach fünfundvierzig Minuten Aufwärmphase erweist sich Ihr schweißtriefender Körper als ein großartiges Sammelbecken von Empfindungen. Und lässt die aufkommende Müdigkeit vergessen. Diese improvisierte Gruppe, also unsere Gruppe, hat das Verhältnis zum anderen aus einer gewissen Nähe heraus erforscht.

Eine Berliner Utopie? Vielleicht, denn A Dancer’s Day wird nun sein Programm zwischen Workshop mit Charmatz am Mikrofon und The Streets als Soundtrack oder Siesta ablaufen lassen. Hinzu kommen die Stimmen, die den Schlaf der Tänzer begleiten. Das Picknick wird zu einer Performance. Ein Nudist, der Tänzer Frank Willens, Interpret von (sans titre) (2000), des denkwürdigen Stückes von Tino Sehgal, wird den Hangar allein mit seiner strahlenden Präsenz ausfüllen. […]“

Philippe Noisette – Auszug aus Les Inrockuptibles, 18.–24. Oktober 2017

 

„Man muss zugeben, dass man beim Betreten des riesigen Hangars 5 des stillgelegten Tempelhofer Flughafens, der ganz neuen Außenstelle der Volksbühne, Angst vor der Karikatur bekommt, wenn man dieses Aufeinandertreffen so ausdrücklich unterschiedlicher Körper sieht, diese Unbekannten, die gemeinsam tanzen, diese Berliner Familien, eine Mutter und ihre Tochter mit Down-Syndrom, ein Universitätsprofessor mit seiner Frau; sie alle versuchen sich unter dem sanften Diktat von Charmatz an Tanzschritten. Aber durch die Art, wie sich die Körper wahrnehmen und organisieren, sich berühren und schützen, durch die kollektive Arbeit der Laien, die schnell einer Choreografie ähnelt, entsteht unmerklich der Eindruck, dass hier etwas passiert. Eine von dem meisterhaften Texttheater eines Castorf weit entfernte Arbeit, die jedoch geeignet ist, das Verhältnis von sich selbst zu anderen zutiefst zu verändern, in der auch das Politische, die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv zum Ausdruck kommen kann.“

Élisabeth Franck-Dumas – Auszug aus Libération vom 22. September 2017

Teil des Projekts

A Dancer’s Day A Dancer’s Day A Dancer’s Day A Dan

Produktion und Vertrieb

Terrain Eine Prouktion des Musée de la danse / Centre chorégraphique national de Rennes et de Bretagne (2017)

Uraufführung

14. Sep 2017, Volksbühne, Berlin

Dauer

ca. 6h

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Gastspiele

  • Wuppertal

    2023