Tanztheater Wuppertal

36 Jahre lang war Pina Bausch das künstlerische Zentrum des Tanztheaters Wuppertal. Mit ihrem unbedingten Interesse an der menschlichen Existenz, einem vorurteilslosen und immer neugierigen Blick und großen Vertrauen in das eigene ästhetische Gefühl hat sie gemeinsam mit ihren Tänzern und Mitarbeitern ein Repertoire aus insgesamt 44 Stücken geschaffen. Deren Poesie, Bildmächtigkeit und Raffinesse sind aus der Hinwendung zum wirklichen Leben entstanden; besonders deutlich zeigt sich dies in Pina Bauschs Arbeitsmethode, ihren Tänzern einfache, persönliche Fragen zu stellen und aus den Antworten in Form von Erzählungen, Bewegungen oder Szenen ihre Stücke zu kreieren. Den Sinn für Authentisches spiegeln auch die Bühnenbilder von Peter Pabst und Rolf Borzik, in denen elementare Materialien wie Erde, Gras und Wasser in den Bewegungen und an den Kostümen der Tänzer deutliche Spuren hinterlassen. Und auch die internationalen Koproduktionen sind Ergebnisse intensiver Rechercheprozesse: ob Italien, Japan, Brasilien, Hong Kong oder die Türkei – jedes Land, das die Companie während mehrwöchiger Residenzen entdeckte, hat auf kulturelle und ästhetische Weise die Stücke des Tanztheaters Wuppertal beeinflusst.
Als Pina Bausch in der Spielzeit 1973/74 die Leitung der Tanzsparte an den Wuppertaler Bühnen übernahm und statt klassischem Ballett ihre ganz spezifische Form des Zusammenspiels von Tanz, Bewegung, Sprache, Kostüm und Bühnenbild entwickelte, war die Skepsis von Publikum und Kritik zunächst groß. In dem von ihr entwickelten Tanztheater war alles anders als im bis dato am Haus praktizierten Ballett:  von Beginn an zeigten sich die Tänzer und Tänzerinnen als charaktervolle Individuen, die ihre Geschichten tanzend, singend, sprechend mitunter auch lachend und weinend preisgaben. Mit spielerisch aufeinander folgenden, unzählige Assoziationen hervorrufenden Einzelszenen nähern sich die Stücke kontrast- und variationsreich dem jeweiligen Thema, wobei zwischenmenschliche Beziehungen und die Auseinandersetzung der Geschlechter immer wieder eine große Rolle spielen.
Auf diese Weise hat Pina Bausch eine Revolution der darstellenden Künste ausgelöst, die Entwicklungen des Theaters, des klassischen und modernen Tanzes sowie das künstlerische Schaffen einer ganzen Generation von Choreografen nachhaltig beeinflusst. Peter Pabst und Rolf Borzik haben unvergessliche Bühnenbilder geschaffen, die Kostüme von Rolf Borzik und Marion Cito machen die Tänzer sinnlich und nicht zuletzt haben Matthias Burkert und Andreas Eisenschneider mit Pina Bausch die reichen Musikcollagen der Stücke kreiert. 
Dabei haben alle Beteiligten stets bei Null angefangen; jede Produktion war Neuland für die thematische und künstlerische Gestaltung. Dass sich Bewegungen, Sprache, Bühnenbild, Kostüme, Musik und Licht auf der Bühne zu einem stimmigen Gesamtwerk fügten, ist der kreativen Kraft aller beteiligten Künstler zu verdanken.
Mit ihrem Credo, ‚für das Leben eine Sprache zu finden’ hat Pina Bausch nicht nur die Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes ungeahnt erweitert, sondern auch diese Kunstform maßgeblich verwandelt. 

In diesem Sinne verändern sich auch ihre Stücke – nicht nur bei jeder Vorstellung, sondern vor allem mit jeder neuen Besetzung. Dass ein Großteil der Stücke von Pina Bausch bis heute in Wuppertal und bei zahlreichen Gastspielreisen auf der ganzen Welt gezeigt  wird, verdankt sich nicht nur ihrer ästhetischen und thematischen Zeitlosigkeit, sondern auch der seit vielen Jahren praktizierten Weitergabe von einer Tänzergeneration an die nächste. Inzwischen haben auch Companien wie das Ballett der Pariser Oper und das Bayerische Staatsballett einige wenige Produktionen  einstudiert. Nach Pina Bauschs Tod im Jahr 2009 leben ihre Stücke in den Tänzern des Tanztheaters Wuppertal weiter. 
Bei jeder Umbesetzung und Wiederaufnahme den Spirit Pinas aufzuspüren, ist eine besondere Herausforderung für das international besetzte Ensemble. Dessen Mitglieder kommen aus 18 verschiedenen Ländern; die Altersspanne liegt – auch das ist wohl einmalig – zwischen 25 und 66 Jahren; rund ein Drittel der derzeitig 34 Tänzerinnen und Tänzer hat nicht mehr selbst mit Pina Bausch gearbeitet. 
Ab der Spielzeit 2017/18 übernimmt erstmalig eine ‚Externe’ die Intendanz und künstlerische Leitung des „Tanztheater Wuppertal Pina Bausch“: Adolphe Binder wird zusammen mit allen Tänzern und Mitarbeitern das große Repertoire Pina Bauschs und die über Jahrzehnte gewachsenen Gastspielpartnerschaften pflegen sowie die Companie mit Einladungen an zeitgenössische Choreografen und Neukreationen in eine lebendige Zukunft führen. Aus der Sicht der neuen Intendantin ist das Werk Pina Bauschs geprägt von „Liebe für die Menschen, Mut, dem Interesse am Tiefmenschlichen sowie der Eigenschaft, mehr Fragen zu stellen als Antworten zu geben“. Daran möchte Adolphe Binder für die Zukunft anknüpfen.

Das Tanztheater Wuppertal durch kontinuierliche Weiterentwicklung immer wieder neu in die Gegenwart zu bringen, wäre zweifellos ganz im Sinne Pina Bauschs gewesen, die in einer ihrer seltenen Reden bekannte: 

„Das Fragen hört nicht auf, und die Suche hört nicht auf. Es liegt etwas Endloses darin, und das ist das Schöne daran.“

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Foto: Ulli Weiss
Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch