Tanztheater Wuppertal

 
Die Anfänge waren umstritten, als Pina Bausch zur Spielzeit 1973/74 die Leitung der Tanzsparte an den Wuppertaler Bühnen übernahm. Denn die Form, die sie mit den Jahren entwickelte, eine Mischung aus Tanz und Theater, war ungewohnt. Bei ihr tanzten die Darsteller nicht nur, sie sprachen, sangen, und manchmal weinten oder lachten sie auch. Doch diese ungewöhnliche Arbeit setzte sich durch. Von Wuppertal ging eine Revolution aus, die den Tanz weltweit emanzipierte und neu definierte. Tanztheater avancierte zu einer eigenen Sparte, die international Choreographen beeinflusste und auch Auswirkungen auf Schauspiel und klassisches Ballett zeigte. Der weltweite Erfolg beruhte darauf, dass Pina Bausch ein universelles Bedürfnis zu ihrem Kernthema machte: das Bedürfnis nach Liebe, nach Nähe und Geborgenheit. Hierfür entwickelte sie eine offene Arbeitsform, die die unterschiedlichsten kulturellen Einflüsse in sich aufnehmen konnte. In immer wieder neuen poetischen Exkursionen untersuchte sie, was uns unserem Liebesbedürfnis näher bringt und was uns von ihm entfernt. Es ist ein Welttheater, das nicht belehrt oder besser weiß als der Zuschauer, sondern das Erfahrungen herstellt: beglückende oder traurige, sanfte oder konfrontierende, und immer wieder auch komische und skurrile. Es sind bewegte und bewegende Bilder innerer Landschaften, die aufs Genaueste die menschliche Gefühlslage erkunden und dabei nie die Hoffnung aufgeben, dass die Sehnsucht nach Liebe gestillt werden kann. Hoffnung ist ebenso ein Schlüssel für dieses Werk wie Realitätsnähe, denn die Stücke beziehen sich stets auf etwas, das jeder Zuschauer kennt und am eigenen Leib erfahren kann. In den mehr als 36 Jahren, in denen Pina Bausch die Wuppertaler Arbeit bis zu ihrem Tod 2009 geprägt hat, hat sie ein Werk geschaffen, das einen unbestechlichen Blick auf die Wirklichkeit wirft und zugleich Mut macht, zu den eigenen Wünschen und Sehnsüchten zu stehen. Diesen Maßstab wird ihr einzigartiges, persönlichkeitsstarkes Ensemble auch in Zukunft erhalten.

Norbert Servos

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Foto: Ulli Weiss
Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch