Faust-Preis für Pina

 
Es ist alles gesagt worden über Pina Bausch.

und...
oder...
aber...
doch...

Es ist nichts gesagt worden über Pina Bausch.

Ich sehe ihre Stücke wieder und denke:
"Wann sind wir soweit?
Wann ist die Zeit dafür bereit?
Wann haben wir die Worte dafür?
Wann wird das endlich
wirklich sichtbar und deutlich erfahrbar,
was Pina da geschaffen hat
in ihrem Lebenswerk?"

Auch wenn sie jetzt nicht mehr unter uns ist:
Ihr Werk ist noch nicht Geschichte,
es liegt nicht hinter uns, sondern vor uns.
Es ist immer noch science fiction:
Wir sind noch auf dem Weg dahin...

In diesem Frühjahr habe ich noch mit ihr,
- haben wir noch mit ihr -
das "neue Stück 2009" gesehen,
das "Chile-Stück", was ihr letztes werden sollte,
und ich habe mich mit allen anderen im Saal
einmütig erhoben,
als Pina Bausch zur Verbeugung auf die Bühne trat.

Ihr mysteriöses wehmütiges, scheues Lächeln,
da in einer Reihe mit ihren Tänzern,
war es nicht, wie immer,
auch die bescheidene, aber doch insistierende Frage:
"Habt Ihr's gesehen,
worauf es mir ankam.
Wart Ihr offen für das,
was wir Euch da gerade gezeigt haben?"


Wieder hatten wir das Komplexeste gesehen,
wovon Tanz und Theater handeln kann:
nämlich von uns, unserer Zeit und Lebenszeit,
und wieder
haben wir es in seiner schönsten Verkleidung gesehen,
nämlich einfach,
beschwingt, beschwingend, unzynisch.
Wir?
Wir, als Männer und Frauen
in unserem gemeinsamen zeitlosen Spiel,
gebrochen, zärtlich, verzweifelt, fröhlich,
voller Angst und doch voller Heiterkeit.

Die Bühne ein weiter weißer Boden, sonst nichts,
kein "Bild",
darauf "unser Tanz", wie ein Spiegel,
der große Gesellschaftstanz unseres Daseins,
bis zum Tod,
manchmal in den von Pina vertrauten Formen,
manchmal völlig neu gedacht und erfunden...

Und dahinter wieder ihre offene Frage:
Habt Ihr's gesehen?
Wart Ihr auf-geschlossen?
Genug?
Wart Ihr zugänglich?
Hat unsere Bewegung etwas in Euch bewegt?
Haben wir etwas aufmachen,
in Euch auf-tanzen können?

Und dann tat sich plötzlich der Boden auf
unter den Füßen der Tänzer,
unter uns
barst die Erde
und die Bühne wurde wie nie zuvor
zu einer trügerischen Scholle,
durch die man auch einbrechen
und die einen verschlucken konnte.

Sprünge rissen tief in unsere sichersten Fundamente,
darauf die Sprünge der Tänzer
die mit einem Mal
unsere eigenen Rettungs- und Heilungsversuche darstellten.

Selten hat mich ein Theaterabend,
ein Tanzabend,
so zerrissen
und auch wieder zusammengefügt.

Und dann beim Applaus die bange Frage in Pinas Blick,
auch an mich:
Hast Du's gesehen?
Hast Du's gespürt?

Ja, Pina,
über die Jahre hast Du mich,
hast Du Deine Zuschauer,
hast Du viele von uns hier dahin gebracht,
besser zu sehen und zu fühlen,
was Ihr uns in Gesten, Bewegungen, Gebärden,
in Musik, in Spiel und in Tanz gezeigt habt,
was Du in Deinen Stücken und Choreographien
zum Ausdruck und ans Licht gebracht hast.

Wir haben Deine Instrumente zu hören gelernt,
in Deinem großen Orchester, Deinem Ensemble,
von denen Dir jede einzelne Stimme gleich wichtig war,
Deine Symphonien von Einsamkeit und Gemeinschaft,
von Schmerz und Leid wie von Lachen und Freude.

Noch, wage ich zu behaupten,
ist dies Zukunftsmusik in unseren Ohren.
Noch haben wir dahin nicht ganz aufschließen können...

Auch wenn unsere Zeit so gerne von sich denkt,
sie wäre schon über etwas hinaus,
habe längst neue Kapitel aufgeschlagen,
neue Formen und neuen "Content" entdeckt,
so darf man doch getrost der sicheren Meinung sein,
daß der Zeitgeist vor vielen von Pina Bauschs Stücken
nur staunend gestanden ist,
wie der Ochs vorm Berg,
und sein Fortschritt nur darin bestand,
um diesen Berg herum einen Bogen zu machen
und ihn unbestiegen hinter sich zu lassen.


Pina Bausch hat eine Kunst erfunden,
für die wir vorher keine Worte hatten,
als Pionierin des Tanztheaters.
Sie hat mit dieser neuen Sprache
unzählige Menschen in der ganzen Welt mitten ins Herz getroffen.

Dieser Preis für das Lebenswerk
ist ihr zuerkannt worden,
kurz bevor ihr Leben so abrupt zu Ende kam.

Ich bin froh,
daß diesen Preis drei ihrer Tänzer entgegennehmen,
die diese Arbeit fortführen,
die mit und in Pinas Orchester diese Musik weiterspielen.
Pina hat ihrem Ensemble
eine große Verantwortung übergeben,
aber auch ein wunderbares Geschenk.

Geht damit großzügig um,
damit dieses Lebenswerk weiter wirken kann,
auf daß unsere Leben dieses Werk einholen können.
Wann immer das sein wird...


Wim Wenders,
am 28.11.2009
anläßlich der Verleihung des Faust-Preises
posthum an Pina Bausch
 
 
(c) Wim Wenders, Berlin 2008 / 2009
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