Person
 

Matthias Burkert

Matthias Burkert

wird 1953 in Duisburg geboren und macht 1972 sein Abitur in Wuppertal. Bereits ab dem Alter von sechs Jahren erhält er Klavierunterricht. Nach einem zweijährigen Kunststudium an der Kunstakademie Düsseldorf beschließt er, sich ausschließlich seiner eigentlichen Leidenschaft, der Musik, zu widmen und beginnt 1974 am Wuppertaler Ableger der Kölner Musik-Hochschule ein Klavierstudium mit den Nebenfächern Trompete und Gesang. Es ist vor allem der ganzheitliche klavierdidaktische Ansatz von Prof. Harald Bojé, bei dem er im Schwerpunkt zeitgenössische Musik studiert, der ihm entgegen kommt. Matthias Burkert hat ein natürliches, unbefangenes Verhältnis zu Instrumenten; von früh auf ist die Improvisation, nicht nur auf dem Klavier, seine große Leidenschaft. Spielerisch und experimentell offen ist sein Zugang zur Musik.

1975 sieht er zum ersten Mal in Wuppertal ein Stück von Pina Bausch. Es ist ihre Version von Igor Strawinskys „Le Sacre du printemps“. Zwar hat Burkert zum Ballett keine Beziehung, aber die unmittelbare Menschlichkeit von Pina Bauschs zeitgenössischer Tanzsprache beeindruckt ihn tief. Nach Abschluss seines Studiums nimmt er 1978 das Angebot eines Lehrauftrages für Klavierdidaktik seiner Hochschule an. Bereits seit 1976 ist er Musikalischer Leiter des Theaters für Kinder und Jugendliche in Wuppertal – eine Position, die er, trotz steigender Anforderungen, bis 2001 beibehalten wird. Daneben hat er eigene Klavierschüler. 1979 sucht Pina Bausch einen Pianisten, da der Repetitor, der das tägliche Training begleitet, in Rente geht. Burkert wird engagiert – und schaut zunächst einmal dem alten Repetitor über die Schulter. Trainingsbegleitung ist für ihn ein neues Feld. Doch rasch verändert sich sein Aufgabengebiet. Pina Bausch, die gerade dabei ist, den Tanz nicht nur inhaltlich und choreographisch, sondern auch in der Musikwahl von Grund auf neu zu bestimmen, braucht Unterstützung. Die Arbeit umfasst nicht nur die Recherche, sondern ebenso musikdramaturgische Fragen, die Entwicklung von Spannungsbögen sowie die genaue Abstimmung mit den tänzerischen und szenischen Abläufen. Das ist zu dieser Zeit tontechnisch noch mühsam. Nicht nur müssen alle Musiken auf Tonbänder bzw. Kassetten überspielt und bei jeder Veränderung umgeschnitten werden. Auch das Auffinden ungewöhnlicher Musik ist schwierig. Burkert durchforstet die Schallplattenläden in Wuppertal und Umgebung, kontaktiert Rundfunkarchive und Privatsammler. Manchmal laufen während der Vorstellungen bis zu vier Tonbandgeräte parallel, um schnelle Wechsel zu ermöglichen. 

„Bandoneon“ ist 1980 die erste Zusammenarbeit Burkerts mit der Choreographin. Sie hat von einer Südamerika-Tournee eine Fülle von Material mitgebracht, das aufbereitet werden muss. Wenn nötig komponiert Burkert auch eigene Stücke. Die ausgedehnten Reisen des Ensembles und die sich daraus allmählich ergebenden Koproduktionen verändern die musikalische Arbeit. Bei den Recherchen vor Ort eröffnen sich jedes Mal neue musikalische Horizonte. Doch letztlich geht es darum, das Kunststück fertigzubringen, die musikalische Seele eines Landes anklingen zu lassen, ohne folkloristisch zu werden. 
Fast immer entstehen die Tänze und Szenen unabhängig von der Musik, entwickeln und beweisen dadurch zunächst ihre Selbstständigkeit. Das Hinzufügen von Musik ergibt sich einerseits durch Überlegungen im Vorfeld, vor allem aber auch durch ein beharrliches Verfahren von Versuch und Irrtum, das im Tanztheater nicht nur zum alles bestimmenden Arbeitsprinzip wird, sondern die Stücke auch inhaltlich definiert. Oft bittet ihn Pina, alles während der Proben musikalisch scheinbar Bewährte in Frage zu stellen und ganze Musikblöcke radikal durch neue Ideen auszutauschen. Vieles wird plötzlich wieder neu  erlebt. Für die endgültige Auswahl ist unter anderem entscheidend, wie Pina Bausch sagt, dass sie sich auch in zwanzig Jahren noch auf die nächste Musik freuen kann, dass sie immer wieder frisch und neu klingt.

Matthias Burkert begleitet den Probenprozess von Anfang an, sammelt Musiken, ordnet  sie nach Charakter und Atmosphäre oder denkt dabei an einzelne Tänzer, deren Wesen ihm im Laufe der Jahre immer vertrauter wird. Immer wieder integriert Pina Bausch ihn auch mit musikalischen Auftritten in ihre Stücke. Bei allen Vorstellungen sitzt er neben Pina und reguliert, über Mikrofon mit dem Kollegen am Mischpult verbunden, die musikalische Temperatur der Aufführung.
1995 erweitert  Andreas Eisenschneider das Team. Heute ergänzen sich beide als eingespieltes Team in der Verantwortung für die Musik des Tanztheaters. Gemeinsam haben sie in Wim Wenders’ Film „Pina“ die Musikalische Leitung.
NORBERT SERVOS