Person
 

Andreas Eisenschneider

Andreas Eisenschneider

wird 1962 in Lüneburg geboren, verbringt jedoch seine Kindheit und Jugend in Celle. Musik spielt früh eine wichtige Rolle. Die elterliche Wohnung verfügt über eine gute Tonanlage. Es ist vor allem die Mutter, die ein breites musikalisches Interesse besitzt: Sie hört nicht nur Schlagermusiken, sondern gerne auch Soul, Jazz und Rock'n Roll. So entdeckt er eine große Bandbreite musikalischer Ausdrucksformen.

Am Schlosstheater Celle wirkt Andreas Eisenschneider bei verschiedenen Theaterproduktionen als Statist mit, erhält eine erste kleine Rolle. An einem Abend ist der Theatertonmeister erkrankt und man bittet ihn einzuspringen. Er willigt ein – und absolviert in den folgenden Jahren eine Ausbildung als Tontechniker. Eisenschneider hat seinen Beruf gefunden, denn von jeher interessiert ihn auch die technische Seite der Musik. Bis 1988 bleibt er in Celle, dann wechselt er zu den Ruhrfestspielen, für die er bis 1992 arbeitet. Nach einem kurzen Intermezzo in Heilbronn, geht er 1990 als Tonmeister zunächst ans Essener Aalto, später ans Grillo Theater. Prägend ist für ihn vor allem die Zusammenarbeit mit den Regisseuren Hansgünter Heyme und Jürgen Bosse. Es ist eine aufbruchsgestimmte Zeit; in den Inszenierungen wird viel Neues ausprobiert, auch in den Theatermusiken. Rasch genießt Eisenschneider das Vertrauen der Regisseure, kann Vorschläge machen, eigene Ideen einbringen. Er ist nicht nur Techniker, sondern ein kreativer Geist, der sich in Inszenierungen ein- und mitdenken kann. In dieser Zeit lernt er den Komponisten Alfons Nowacki kennen, der zu seinem Mentor und Förderer wird. Nowacki nimmt ihn zu Produktionen an zahlreichen renommierten Häusern in Deutschland und im Ausland mit. Im Schnitt vollendet Eisenschneider die angelegten Kompositionen, fügt hinzu, lässt anderes weg. Zwischen beiden entwickelt sich ein intensives Vertrauensverhältnis. Mitunter lässt ihn Nowacki Aufträge auch allein ein Projekt zu Ende führen. Daneben ergeben sich andere wichtige Begegnungen: so u.a. mit den Musikern Jun Miyake und Hans Reichel. 

1995 bewirbt sich Andreas Eisenschneider beim Tanztheater Wuppertal. Nach Jahren der Theaterarbeit reizt ihn die Auseinandersetzung mit Tanz. Seine Voraussetzungen für die Mitarbeit im Tanztheater sind ideal. Er verfügt über ein breites musikalisches Interesse, gepaart mit dem Know How des Tontechnikers. „Nur Du“ wird seine erste Produktion – und er ist überrascht, wie offen Pina Bausch auf seine neuen, anderen Musikvorschläge reagiert. Gleichzeitig wird er mit der
besonderen Arbeitsweise der Choreographin vertraut. Kurz vor der Generalprobe stellt sie das gesamte Stück noch einmal um. In der Konsequenz müssen alle Musiken, zu dieser Zeit noch auf Tonband, in kürzester Zeit umgeschnitten werden. Pina Bausch arbeitet mit großer Genauigkeit und Vorsicht. Entscheidungen trifft sie erst, wenn sie sich ihrer Sache ganz sicher ist. Das verlangt lange Zeiträume und die Bereitschaft, immer wieder zu ändern, oft in letzter Minute. Die Tänze und Szenen entstehen langsam. Manchmal gibt es am Anfang nur eine Schlüsselbewegung oder kleine Phrase, die sich erst allmählich zu einem Tanz entwickelt. Die Musiken müssen dieser Entwicklung stetig angepasst und ausgetauscht werden. Dafür benötigen die musikalischen Mitarbeiter Eisenschneider und Matthias Burkert ein umfangreiches Archiv und die Fähigkeit, sich in den Geschmack der Choreographin und die Erfordernisse einer Szene einzufühlen. „Die Musik“, sagt Pina Bausch einmal zu Eisenschneider, „ist das Geheimnis“. Sie liefert die szenische Klammer und spitzt den emotionalen Gehalt einer Szene zu. Dabei lässt sich die Suche kaum vorher eingrenzen. Von Jazz, Soul, ethnischen Musiken über Klassik bis hin zu Heavy Metal – alles ist möglich. Eine Entscheidung lässt sich erst treffen, wenn ein Tanz oder eine Aktion mit der Musik zusammentrifft. Dafür sind oft zahllose Versuche nötig.

Mit der Zeit wächst das Archiv. Sind es in den Anfängen ca. 300 Musiken, die im Laufe eines Probenprozesses durchgearbeitet werden, sind es später zehnmal so durch die zahlreichen Koproduktionen mit Ländern in aller Welt erweitert sich das Musikrepertoire ständig. Immer neue Richtungen werden aufgenommen und erprobt. Dabei muss mit großer Vorsicht vorgegangen werden. Nicht nur dürfen Musiken nicht vor der Premiere verbraucht werden (und werden deshalb oft erst zur
Generalprobe eingesetzt). Manchmal entwickeln bestimmte Musiken ihre Stimmigkeit nur im kulturellen Ambiente eines Landes, erzeugen aber außerhalb einen gänzlich anderen Effekt. So werden auch hier immer wieder Hoffnungen auf musikalische Lösungen enttäuscht und es muss weiter gesucht werden, bis ein universaler Schlüssel gefunden ist. Zudem müssen die Musiken eine doppelte Anforderung erfüllen: Sie müssen stark und einprägsam sein und zugleich dienen.

So manche Musik bewährt sich nicht, weil sie das Bühnengeschehen zu sehr dominiert. Pina Bausch handhabt diesen komplexen Arbeitsprozess mit großer Risikobereitschaft und Teamgeist. Gemeinsam sucht man nach den richtigen Lösungen. Nur in der Breite der musikalischen Recherche und im Vertrauen auf das Einfühlungsvermögen ihrer Mitarbeiter kann sie sicher sein, schließlich Lösungen zu finden, die Bestand haben. Mit Matthias Burkert verbindet Eisenschneider in der gemeinsamen musikalischen Leitung des Tanztheaters eine gleichberechtigte, kollegiale Zusammenarbeit.
NORBERT SERVOS